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Himmelhoch Hölle - 3

 

 

Johnny trank seine Kaffeetasse leer und schob sich das letzte Stück Nutellabrot in den Mund.  Es war ein Montagmorgen im Mai, der auf ihn wartete und fröhlich pfeifend packte er die Brote für die Kinder in deren Rucksäcke. Wie jedes Mal, wenn Johnny an Barbaras Stelle die Kinder für die Schule vorbereiten musste, steckte er ihnen noch etwas Geld für die Pause zu. Er liebte seine Kinder und er gönnte ihnen vielleicht etwas zu viel Taschengeld, verglichen mit anderen Kindern ihres Alters. Aber wenn er sich seine eigene Kindheit erinnerte und an die Entbehrungen dachte, die er kennen gelernt hatte, dann war es gut so, wie es heute war. Er gönnte es ihnen. Johnny würde sie mitnehmen und unterwegs an der Schule rauslassen. Es bliebe ihm dann immer noch genug Zeit für eine entspannte Fahrt über Land. Er würde das Dach seines Cabrios öffnen, sich die Sonnenbrille aufsetzen und den roten Schal um den Hals knoten. Die Enden des Schals würde er dann über den Sitz nach hinten werfen und sich auf den Weg zur Arbeit machen. Er liebte diese Fahrten in den Tag hinein. Der Morgen war sein Freund und der Tag lag noch vor ihm, lang und unverbraucht und voller Geheimnisse. Alle Möglichkeiten standen ihm noch offen und eine von diesen war eben seine Spazierfahrt über Land. Er tat dies gerne, vor allem wenn die Sonne herauskam, der Wind sein Haar zerzauste und die Anstrengungen der Fahrzeugheizung seinem Körper zusetzte.

 

Johnny strich seinen Kindern über die Köpfe, die gerade dabei waren ihre Schuhe anzuziehen. Sven steckte nur eben die Füße in die Schuhe hinein und rollte sie dann über die Kanten solange nach links und rechts, bis er seine Füße doch hinein gezwungen hatte. Nebenbei biss er noch in sein Frühstücksbrot und verzichtete anschließend mal wieder darauf, die Schnürsenkel zu binden. Sein Vater ignorierte das, obwohl es ihn, zugegebenermaßen, einige Mühe kostete. Er wartete auf den Augenblick, wo Sven über den Schnürsenkel stolperte, hoffte allerdings gleichzeitig, dass der Junge diese Lehre nicht gerade dann machen müsste, wenn er auf den Granitstufen hinunter auf dem Weg zum Gartentor war. Er musste seine Schlampigkeit von Barbara geerbt haben, dachte Johnny und zog den Krawattenknoten fest. Die war auch so. Immer drei Sachen gleichzeitig machen, das eine schon anfangen, wenn das anderen noch nicht abgeschlossen war. Sie konnte während des Kochens eine Brief an Ihre Mutter anfangen und eine Verdioper hören. Allein schon Verdi! Nicht dass er Verdi nicht mochte, aber er musste sich auf eine Sache konzentrieren. Für Verdi brauchte man Zeit und Ruhe. Wie konnte man dabei nur Kochen? Auch ein Brief an seine Eltern, denen er ohnehin nur sehr selten schrieb, brauchte für ihn Konzentration. Johnny verstand diese Leichtigkeit nicht. Für ihn war es Unachtsamkeit, ja Missachtung der Bedeutung, die jeder einzelnen Tätigkeit zu stand. Er konnte dies nicht, musste sich aber insgeheim eingestehen, dass er Barbara für diesen unbescholtenen Umgang mit den Dingen manchmal beneidete.

 

Vanessa war schon fertig, kämmte noch mal ihre blonden Haare durch und wuchtete sich ihren schweren Scout Rucksack auf den Rücken. Beide bekamen noch die Jacken zurecht gezogen – sie sollten ja schön aussehen in der Schule – und wurden dann in den Tag entlassen. Fröhlich stürzten sie durch den Garten in Richtung Garage, wo sie ungeduldig darauf warteten, dass ihr Vater den Wagen öffnen würde. Er nahm seinen schwarzen Pilotenkoffer in die Linke, den Schlüssel in die Rechte und drehte sich auf der Schwelle um. Barbara stand erwartungsvoll in der Türe und hielt ihm ihren geschlossenen Mund mit gespitzten Lippen entgegen. Eine gute Ehe braucht Rituale und Rituale brauchen Abwechslung, dachte er. Deshalb küsste er sie heute Morgen auf die Nase. Dann ging er zum Wagen und öffnete erst seinen Kindern die Türe und dann das Verdeck.
„Danke, Papa!“ Es kam wie aus einem Munde.
In Momenten, wie diesen war er immer stolz auf seine Kinder. Im Grunde genommen waren sie ihnen gut gelungen, wenn er auch schon in manchen Momenten daran gezweifelt hatte.

 

Nachdem er die Kinder an der Schule herausgelassen hatte, wendete er den Wagen in der Einfahrt zum Sportplatz und glitt langsam durch die Tempo 30 Zone an der Schule vorbei. Er bremste noch einmal kurz vor dem Haupteingang, um noch einen Blick auf Sven und Vanessa zu erhaschen, konnte beide aber nicht mehr in der Menge von Kindern ausmachen, die sich gerade von zwei Bussen aus in die Schule ergossen. Johnny beschleunigte, bog nach rechts um die Ampel und steuerte der Stadtgrenze zu. Er hielt noch kurz bei der Bäckerei Stronz, kaufte zwei Kümmelbrötchen mit Salami, die er auf den Beifahrersitz legte und fuhr dann auf die Bundesstraße. Bei Tempo 80 stellte er die Heizung auf volle Leistung, zog den Schal fest und schaltete das Autoradio ein. Da der Sender ihn schon nach kurzer Zeit nervte, schaltete er weiter und weiter, musste aber wieder einmal feststellen, dass ihm das Formatradio von heute nicht gefiel. Er fühlte sich dann jedes Mal ein bisschen gealtert, ja sogar spießig, weil er über die Musik der Jugend so motzte, schätze aber doch seinen eigenen guten Geschmack und war sich sicher, dass sie selber früher bessere Musik gehört hatten. Im Schlitz des Radios steckte noch seine CD mit dem 80er Sampler. Da er sie auswendig kannte, wählte er den dritten Titel und stellte sofort auf laut. Sweet dreams are made of this … Er sang laut mit und beschleunigte den Wagen. Auf beiden Seiten zogen die Bäume einer Allee vorbei und die Morgensonne, die es ihm nun erlaubte, seine Sonnenbrille aufzusetzen, blitze von rechts und warf dabei Schatten auf die silbrig glänzende Motorhaube. Er fühlte sich königlich, stark und unbezähmbar. Die Müdigkeit, die er aus der vergangenen Nacht mitgenommen hatte, verflog nun vollends. Im kühlen Fahrtwind konnte Johnny nun befreit atmen und wie von selbst zog der Wagen mit ihm seine Bahn. An einem unbeschrankten Bahnübergang bremste er kurz, blickte nach links und rechts, um die Strecke besser einschätzen zu können und gab dann wieder Vollgas. Wie immer genoss er dabei das Donnergrollen und Fauchen des Achtzylinders und die Gewalt der Beschleunigung über seinen Körper. Einer spontanen Eingebung folgend, bog er nach rechts auf eine Nebenstraße ein. Bis er auf der Arbeit sein wollte, hatte er noch mehr als 45 Minuten Zeit, konnte es sich also erlauben, in Richtung Meer abzubiegen. Bei Tainted Love schaltete Johnny einen Gang runter und trat wieder das Gaspedal durch. Er liebte diese Momente, in denen er es sich erlaubte, einfach nur Mann sein zu können. Laut, egozentrisch und einfach. Nicht denken, nur machen. Mit den Fingerspitzen klopfte er den Takt auf das Lenkrad, sang hier und da eine Textzeile mit und gab sich dem anhaltenden Druck auf Magen und Rücken hin, mit dem ihm das Drehmoment seines Achtzylinders den Tag versüßte. Das heisere Bellen des Motors vermischte sich mit den Rauschen des Windes und dem Sound der 80er. Die erste Kurve, die die lange Gerade abschloss nahm er ungebremst, war zeigte nach links und Johnny schnitt dabei bewusst die Fahrbahn. In die nächste Kurve bremste er sich kurz ein, lenkte dabei an den rechten Straßenrand, schaltete in den vierten Gang und gab ab dem Scheitelpunkt wieder Gas. Jetzt hatte er noch gut dreihundert Meter, dann kam der nächste Hof in Sicht und Johnny bremste den Wagen auf ein vernünftiges Maß herunter.

 

Es war fünf Minuten vor Neun, als er wieder an die Arbeit dachte. Er hatte sich kurzfristig für die Teilnahme am Team-Meeting angekündigt, weil er die aktuelle Stimmung im Team ausloten wollte. Wie zu erwarten war, hatte es wieder Unstimmigkeiten über die zukünftige Strategie des Unternehmens gegeben und er wollte nun einschätzen können, ob seine Meinung oder die seines Geschäftspartners bei den Männern akzeptiert worden war. Sie hatten ihre Firma für Beratung in allen Fragen der Windenergie vor 12 Jahren gemeinsam gegründet, nachdem sie sich auf der Technischen Universität kennen gelernt hatten. Von Anfang an herrschte Einverständnis über die zukünftige Rollenverteilung. Peter würde der Techniker sein, der mit Akribie und Interesse fürs Detail, aber auch mit einem weit blickenden Organisationstalent, die fachliche Richtung vorgeben würde. Johnny hatte sich immer mehr für den Überblick und die Strategie interessiert. Sein Ding war es nicht, die technischen Grenzen des Machbaren auszuloten oder im Prozess der Planung und Konstruktion weitere Verbesserungen vorzunehmen. Johnny liebte es hingegen, seine Mitmenschen von den Vorteilen der Windkraft zu überzeugen, Ihnen den zu erwartenden Nutzen ihrer Investitionen vorzurechnen und sie natürlich für Geschäfte mit ihrem Unternehmen zu begeistern. Er konnte stundenlang mit Menschen über alternative Energie philosophieren und das für und Wider unterschiedlicher Energiequellen abwägen. Aber auch Vertreter der alten Welt waren ihm willkommen. Was gab es Schöneres und Herausforderndes für seinen Intellekt und seine rhetorische Begabung, als Anhängern der Atomkraft Argument für Argument ihre Meinung zu widerlegen und ihnen die Überzeugungen zu rauben, für die sie Jahre gekämpft hatten. Wenn sie dann müde vom stundenlangen, erregten Diskutieren und mit heiserer Stimme die Notwendigkeit einer Wende hin zu regenerativen Energien nachbeteten, dann wusste Johnny, es hatte sich wieder einmal gelohnt. Er hatte es wieder geschafft, Menschen zu überzeugen, mehr noch, sie zu Jüngern zu machen und er war sich klar, dass ihm in diesen Dingen keiner etwas vormachte. Niemand verstand es so gut, die Vorteile in den Vordergrund zu stellen, von Schwächen abzulenken und alles in einen großen Zusammenhang zu bringen. Selten kam es dabei zu echtem Streit zwischen ihnen, meist gingen sie als Mitstreiter aus dem Abend hervor, als Kämpfer für eine gemeinsame Sache. Wer sich nicht von den Vorzügen und der Notwendigkeit alternativer Energien überzeugen ließ und den Abend – scheinbar – als Sieger verließ, der dachte in den nächsten Tagen mit Sicherheit über alles nach, dessen war sich Johnny klar.

 

Diese Art von Gesprächen überließ ihm Peter getrost. Denn er wusste, dass Johnny sich später, wenn aus den Interessenten Kunden wurden, nur zu gerne wieder zurück zog. Von den technischen Details verstand er einfach nicht genug. Schon im Studium war diese Aufteilung klar zu erkennen gewesen. Ohnehin passte Peter besser in diese Branche als Johnny. Peter war der Typ von Mann, der sich wenig um seine Kleidung kümmerte. Es kam vor, dass er im Norwegerpullover und mit Arbeitsschuhen beim Kunden erschien. Manchmal hielt ihn der dann erst für einen Techniker oder den Klempner, aber ein Blick in das Lachen von Peters Augen in Verbindung mit seinem kräftigen Händedruck überzeugte ihn sofort vom Gegenteil. Insgeheim hatte sich Johnny schon einmal eingestanden, dass Peter der Attraktivere von ihnen war. Sicher, Johnny trug die teureren Kleider, Maßkonfektion in aufeinander abgestimmten Farbtönen, die Haare stets frisiert und die Schuhe immer geputzt. Aber sein Gesicht war weich, alles schmiegte sich ineinander, ohne Ecken und Kanten. Früher war er stolz darauf gewesen. Er hatte sich mit Models verglichen und war mit dem Ergebnis immer zufrieden gewesen. Aber heute, mit Anfang 40, da vermisste er etwas, wenn er in den Spiegel schaute. Er hätte gerne das raue und unfertige Gesicht von Peter, dessen Augen tief in ihren Höhlen lagen und von dichten Brauen beschattet wurden. Zwischen Kinn und Unterlippe zog sich eine Falte von links nach rechts, die auf beiden Seiten von kräftigen Wangenknochen flankiert wurde. Seine Nase war zu groß und die Lippen wulstig. Es ging etwas Starkes von ihm aus, etwas Männliches, das zusammen mit der Ruhe seines Charakters auf die Umgebung ausstrahlte.

 

Im Moment aber war Johnny ziemlich zufrieden mit sich. Als er an den Ortsausgang kam, gab er wieder Gas und schloss seine Augen. Er musste sich zwingen sie geschlossen zu halten, während der Mustang weiter hochdrehte. Die wenigen Sekunden seiner Zeit dehnten sich im Dunkel. Gleichzeitig verkürzte sich der Raum, den er so dringend zum Überleben brauchte, auf gefährliche Weise. Schließlich hielt er es nicht mehr aus. Er konnte sich und seinen Wagen nicht zu sehr in Gefahr bringen. Deshalb riss Johnny seine Augen wieder auf und fing den Wagen, der sich bereits der Bankette genähert hatte, mit gekonntem Griff wieder ab. Jetzt spürte er seinen Herzschlag, fühlte sein Blut in den Adern, wie es pumpte, wie es sich in den letzten Winkel seines Lebens hineindrückte. Er war der Mittelpunkt seiner Welt! In die kühle Luft dieses Morgens, die salzig vom Meer hereinwehte, löste sich ein lautes, glückliches Lachen. Wenn seine Kunden wüssten, dass er außer seinem Peugeot 307hdi mit Russfilter noch einen 1970 Ford Mustang V8/302 fuhr, dachte sich Johnny und bremste den Wagen auf ein vernünftiges Tempo herunter. So mancher würde ihn nicht mehr auf seinen Hof lassen. Noch nicht einmal übel nehmen könnte er es ihm dann. Bei dem Benzinverbrauch kam auch ihm jedes Mal das schlechte Gewissen wieder den Nacken hoch gekrochen. Sobald er dann nach dem Bezahlen jedoch wieder den Motor anließ, hatte es sich noch jedes Mal wieder verzogen.

 

Johnny blickte zur Seite und musterte die Landschaft, die an ihm vorbeizog. Es war ländlich geworden um ihn. Auf beiden Seiten der Straße, die nun schmaler geworden war, grasten Kühe. Die Kurven vor ihm wurden enger und als Johnny zurückschalten musste, merkte er, dass ihm die Gegend plötzlich fremd vorkam. Er verlangsamte seine Fahrt weiter, spähte auf beiden Seiten nach etwas Bekanntem, das ihm Orientierung geben konnte,  fand jedoch nichts. Wo war er? War er irgendwo falsch abgebogen, hatte die richtige Stelle verpasst? Wie konnte das sein, wo er doch hier aufgewachsen war und schon als Kind den ganzen Landstrich mit seinen Freunden und ihren Rädern unsicher gemacht hatte? Nach der Kirche hätte er links abbiegen müssen, überlegte Johnny. Links in Richtung Sportplatz, um dann zur Bundesstrasse zu gelangen. Oder war es rechts? Er schüttelte den Kopf und hoffte, der Spuk würde verfliegen. Aber noch immer fehlte ihm jede Orientierung. Als hinter ihm ein Wagen hupte und die Fahrerin ihn wütend beschimpfte, fiel Johnny erst auf, wie langsam er geworden war. Schnell fuhr er rechts an den auf den Grünstreifen neben der Straße und stellte den Motor ab. Leichte Panik stieg in ihm auf, setzte sich auf seinen Solarplexus. Das gibt’s doch nicht, verdammte Scheiße! Wo bin ich denn? Keine Ahnung! Für einen Moment vergrub er den Kopf in  Händen, wobei er sich in seinem Wagen nach vorne beugte, so dass seine Unterarme das Lenkrad berührten, und atmete tief ein. Johnny spürte sein Herz, es raste jetzt. Schlug laut hinauf zur Kehle, drückte sein Blut durch die Adern. Er überlegte. Fieberhaft ging er den Weg durch. Von der Stelle aus, wo er immer zu schnell fuhr. Er ging Kurve für Kurve den Weg durch, fand aber keine Fortsetzung, wenn er in Gedanke die Kirche erreichte., was im Ort auf beiden Seiten der Kirche lag, wusste er zwar noch, konnte aber von dort aus zu der Stelle, an der er jetzt stand keinerlei Verbindung ziehen. Johnny nahm den Kopf aus den Händen und riss seinen Oberkörper nach hinten. Mit den Händen hinter dem Kopf drückte er sich gegen die Lehne, ließ seinen Kopf in den Nacken fallen. Dort spürte er kalten Schweiß, der aus den Haaren auf seinen Hals rann. Nein, es rann nicht, es tropfte. Jetzt bekam er es mit der Angst zu tun. Johnny öffnete ruckartig die Wagentür, sprang heraus und lief um den Mustang herum. Als würde er hier draußen den Weg wieder finden, den er ganz offensichtlich verloren hatte. Noch nie in seinem Leben hatte sich Johnny wirklich verfahren. Nicht so sehr, dass er nicht mehr wusste, in welche Himmelsrichtung er seinen Weg fortsetzen musste. Himmelsrichtung! Natürlich! Dass er da nicht sofort drauf gekommen war. Das war die Rettung. Er erinnerte sich, dass er einmal gelesen hatte, jeder Mann wüsste in 9 von 10 Fällen spontan, wo Norden lag. Hoffentlich war dies nicht gerade jener eine Fall. Er wagte sich dies nicht aus zu denken und zögerlich zeigte er, mit geschlossenen Augen, in eine Richtung, was ihm natürlich idiotisch vorkam. Wie konnte er annehmen, dass eine solche spontane Entscheidung ihn in die richtige Richtung bringen würde. Er müsste es sich nur mal mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung ausrechnen, welche Fehlerquote die Richtungsangabe beinhalten musste. Genauso gut hätte er in die ganz entgegengesetzte Richtung zeigen können, wenn er gerade auf der anderen Seite des Wagens gewesen wäre. Was bin ich so bescheuert! Er schüttelte den Kopf und zog seinen linken Mundwinkel hoch. Sicherlich lag jetzt seine Stirn in Falten, über den Augen bildeten sich gerade zwei Spalten des Zorns über ihn selber und der Verzweiflung, ob seiner Ahnungslosigkeit. Johnny klopfte mit beiden Fäusten auf die Motorhaube, bereute es aber sofort wieder. In die Knie gebückt strich er über den silbergrauen Lack seines 70’er Mustangs und schloss ein Auge, um eventuelle Beulen besser sehen zu können. Wenn er schon so weit war, dass er seinen geliebten Oldtimer schlug, wie weit war er dann wirklich? Doch er fand keine Beule und ließ seine Kopf langsam auf das kühle Blech sinken. Johnny schloss die Augen und zwang sich, ruhig zu atmen. Er konzentrierte sich auf jeden Zug, füllte langsam die Lungen und zwang sich zu einer kleinen Pause, bevor er die verbrauchte Luft durch die zusammengepressten Lippen auspresste. Mit jedem dieser kontrollierten Atemzüge wurde er ruhiger. Sein Herz schlug spürbar langsamer, beruhigte sich, bis er es endlich nicht mehr fühlte. Dann ließ auch der Druck auf seiner Brust nach. Als er seinen Rücken schmerzhaft spürte, fiel ihm die ungewohnte und bestimmt lächerlich anzusehende Haltung auf, in der er neben dem Wagen gebückt stand, und er erhob sich. Als hätte das Stechen in seinem Rückrat ihn endgültig wieder zurückgebracht, streckte er sich, schob die Brust heraus und nahm Kopf und Schultern nach hinten. Von einem Stöhnen begleitet dehnte Johnny in einer einzigen Bewegung Oberkörper und Arme. Anschließend blickte er sich um. Es ist vorteilhafter, wieder das Gehirn einzuschalten, dachte sich Johnny und nahm zum ersten Mal, seit er angehalten hatte, wieder seine Umgebung bewusst wahr. Er stand am Fuße einer leichten Anhöhe. Und in diesen Breiten konnte ihn diese nur auf einen Deich bringen. Er war gerettet! Johnny rannte den schmalen Weg hinauf und blickte erlöst auf das Watt. Ja, das ist der Weg nach Hornsiel, zwei Kilometer liegt das kleine Strandkaffee, wo sie sich immer als Kinder ein Eis hatten kaufen dürfen! Wie war er denn nur hierhin geraten? Johnny schüttelte wieder den Kopf und sah erleichtert auf die Uhr. Er hatte noch fünf Minuten, um ins Büro zu kommen. Was natürlich nicht reichen würde. Per Handy entschuldigte er sich für die Verspätung und kündigte sich für 9:45 Uhr an. Befreit fuhr sich Johnny durch seine fast schulterlangen Haare, ließ sich in die cremefarbenen Ledersitze fallen und startete seinen Mustang mit viel Gas. Mit durchdrehenden Reifen verschwand er hinter der nächsten Ecke und war froh, das hier hinter sich lassen zu können.
1.5.08 11:32
 


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