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Herr H geht aus dem Haus 1

1 - Herr H geht aus dem Haus

Herr H geht aus dem Haus. Heute muss er. Nur, gerne tut er es nicht. Nicht heute, wo er doch so schlecht geschlafen hat. Sonst ja. Wenn die Sonne mal wieder scheint. Und die Parkbank ab Mittag nicht mehr im Schatten liegt. Dann vielleicht. Aber heute? Nein. Die ganze Nacht hat das Bein ihn gequält. Aber doch muss es wieder sein. Dass er zum Arzt geht. Denn seine Tabletten drohen ihm auszugehen. Und ohne die geht es einfach nicht. Deshalb muss er jetzt los. Doch nein. Erst noch sein Frühstück. Auch wenn er keinen Hunger hat. Freilich hat er den schon lange nicht mehr. Seit dem Tod seiner Frau schmeckt es ihm einfach nicht mehr. Mit dem linken Fuß sucht er unter dem Tisch nach seinem Hausschuh. Der muss doch irgendwo sein. Doch wo er auch hinstochert, seine Zehen tasten durch die Wollsocke nur den nackten Boden. Löcher hat die auch, denkt Herr H und tastet weiter. Jetzt versucht er es links vom Tischbein. Da wo sein kleiner weißer Küchentisch in die Fensterbank übergeht. Tastet unter dem Heizkörper lang so weit rauf, wie er eben kommt. Mist, hier muss er doch irgendwo sein. Oder ist er ohne Schuh aus dem Bad …? Jeden Tag Toastbrot ist auch nicht so gut, denkt Herr H. Aber was soll er sonst kaufen? Reicht ja nicht. Ein Toastbrot reicht für eine Woche. Locker. Wenn er nur abends nicht noch Hunger bekommt. Aber das kann er sich verkneifen. Wo ist denn nun der blöde Schuh. Rechts hat er ihn doch schon an. Ach wenn er sich nur bücken könnte. Er könnte unter den Tisch gucken und selber nachsehen. Wenn er könnte. Doch es geht nicht mehr. Die Schmerzen. Das will er nicht riskieren. Dass er dann gar nicht mehr wegkommt, heute. Wo er doch zum Arzt muss, wegen seiner Pillen. Herr H nett seine Tabletten gerne Pillen. Schon seine Frau hat immer drüber gelacht. Wenn er Pillen gesagt hat. Statt Tabletten. Da hat sie immer gelacht. Aber da hat sie auch noch gelebt, denkt Herr H und rührt in seiner Tasse. Löslicher. So langsam verblasst die Erinnerung. Aber das ist doch normal, oder? Sie ist ja auch schon so lange tot. Wie lange ist das jetzt her, dass sie nicht mehr aufstand? Jetzt hat er den Schuh gefunden, den er gesucht hat. Den linken Schuh für seinen linken Fuß. Langsam ruckelt er sich hinein. Einen Moment noch bleibt er bei seiner Frau, deren Bild über dem Fernseher hängt. Damit das mit dem Vergessen noch etwas auf sich warten lässt. Er rührt und trinkt dann langsam die Tasse leer. Dann zieht er sich am Tisch hoch, um den Stuhl nach hinten zu schieben. Das ruckelt und quietscht auf dem PVC. Er hasst dieses Geräusch. In all den Jahren, die er jetzt hier wohnt, in dieser Wohnung im dritten Stock. Es hat ihn immer gequält, dieses Schreien des Holzes auf dem Fußboden. Jeden Tag aufs Neue. Daran erinnert er sich. Sie hat dann immer gesagt, reg dich nicht auf. Nicht wenn es sich nicht lohnt. Jetzt ist er hoch und geht hinüber ins Schlafzimmer. Da ist es kalt. Ob seine Schmerzen daher kommen? Dass es im Schlafzimmer immer so frostig ist? Er glaubt dort auch im Sommer immer zu frieren. Egal wie warm es draußen ist. In seinem Schlafzimmer ist immer Winter. Nur mit drei Decken lässt es sich aushalten. Morgen wird er die waschen. Das muss mal wieder sein. Aber morgen. Heute muss er ja zum Arzt.
6.1.08 20:40
 


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