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Himmelhoch Hölle - 1

1

 

Wie selbstverständlich stehe ich auf der Spitze eines meiner Windräder und blicke Richtung Küste. Die Blätter drehen sich sachte und lautlos. Einem übergroßen Scheibenwischer ähnlich, der rhythmisch mein Sehfeld teilt, fährt ein immer gleiches Rotorblatt dicht vor meinen Augen vorbei. Wieder und wieder. Für einen kurzen Moment verschwinden dann mit meiner Wahrnehmung Marsch, Düne und das Meer, das sich in der Ferne andeutet. Es ist Ebbe. Zurück bleibt nur das Graubraun des Wattenmeeres, Gesichtsfeld füllend und übergroß, um schon im nächsten Augenblick, wieder auf sein natürliches Maß geschrumpft, seinen angestammten Platz im Schauspiel meiner Heimat einzunehmen. Ich bin nackt, nur mit meinen Birkenstock bekleidet stehe ich auf dem Dach der Turbine. Es ist der Moment des Sonnenaufgangs und aus dem Wattenmeer steigt eben ein Vogel auf. Am Anfang noch klein, hält er direkt auf mich zu, wird vom Punkt zum Fleck, bekommt plötzlich Flügel und wird größer, während er auf mich zufliegt, um dann plötzlich im Nichts zu verschwinden. Ich spüre den Wind nicht, obwohl sich doch in den Prielen und Pfützen das Wasser kräuselt. Die ersten Strahlen der Sonne berühren wohl schon meine nackte Haut, denn eben drückt sich die Sonne breit hinter dem Horizont hervor. Aber ich fühle nichts, weder lassen mich Wind und Novembermorgen frösteln, noch schmecke ich das Salz auf meinen Lippen. Ich blicke nach links auf die Weiden, die Rotorblätter begleiten mich, verlässlich und dabei unnachgiebig. Weisen Sie meinen Blicken den Weg oder verfolgen Sie mich? Der Gedanke verfliegt mir noch im gleichen Moment. Jetzt freue ich mich über die Kühe, die friedlich und ungestört auf einer kleinen Insel aus Licht grasen. Das letzte saftige Herbstgras, klar, das mögen Sie besonders gerne. Nur komisch, dass nicht mehr Tiere da sind. Jetzt, um diese Jahreszeit.

 

Die Sonne hat den Horizont hinter sich gelassen und durchbricht eben einen fernen Streifen Wolken. Etwas zwischen mausgrau und steingrau, denke ich, und während ich versuche, mich an die Nummer des passenden RAL-Tons zu erinnern, löst sich die Wolke plötzlich auf und verschwindet. Noch passt der Daumen der ausgestreckten Hand nicht zwischen Land und Licht. Obwohl es früher Morgen ist, stehe ich schon lange hier. Ohne mich zu bewegen, drehe ich mich, drehe mich weiter und blicke jetzt in Richtung Süden. Wo sonst der Turm der evangelischen Pfarrkirche meinen Ort überragt, der eingebettet in Bäume und Büsche auf einer Erhebung in den Marschen liegt, ist nichts. Nichts als Grün, eintöniges und künstliches Grün. Wie gemalt, flach und unifarben, ein billiger Comic. Nur vereinzelt durchtrennt eine Hecke die Fläche, auch sie ist nur von einer Farbe. Schwarz. Das Bild dreht sich weiter. Von links rutscht ein lang gestrecktes, zweigeschossiges Gebäude am Ortsrand in die Sicht. Ein Klinkerbau in rot und braun, dessen Fensterreihen, in beiden Etagen identisch, wie dunkle Augen in Richtung Meer starren. Fensterläden scheint es nicht zu geben. Eckige Augen, ohne jeden Lidschlag.  Erstaunlich, ich kenne die Anlage nicht. Dabei ist mir hier jede Straße vertraut, jedes Haus. Unter den beiden Fensterreihen ist noch eine zu sehen. Die Fenster dort sind niedrig und breit. Jedes von ihnen reicht direkt auf den Boden hin. Sie haben keine Gitter. Kein Mensch ist weit und breit zu sehen. Welchem Zweck könnte die Anlage dienen? Die drei Riegel des Gebäudes umschließen einen Innenhof, dessen scheinbar offene Seite von einem Zaun nur widerwillig versperrt wird. Es ist keiner dieser üblichen Vorgartenzäune aus Holz, gekreuzt und hüfthoch. Es ist auch kein Maschendrahtzaun, der mit den Jahren ausbeult und Löcher bekommt. Dieser hier ist aus fingerdicken Stahlstangen, oben und unten im festen Griff weiteren Stahls. Auf jeder Seite eine Stange. Mannshoch. Der Boden im Hof ist wohl aus Beton, scheint mir, Beton in Platten gegossen und nur vereinzelt durchbrochen von quadratischen Inseln voller Schlamm. Hier sollten wahrscheinlich mal Bäume gepflanzt werden, Bäume, die dann doch nie kamen, denke ich und schwebe für einen Moment über der Anlage. Kein Gras wächst in den Ritzen zwischen den Platten. Platz dafür wäre genug, aber der Boden ist tot. Kein Gras, keine Blume, kein Blatt. Menschen kann ich immer noch nicht entdecken, aber mir fällt auf, dass die Fensterrahmen aus silbrig glänzendem Aluminium sind. Die Energiebilanz wird erschreckend ausfallen, ich könnte für sie Wärmebilder anfertigen lassen und wir würden dann gemeinsam über Verbesserungsmöglichkeiten beraten.

 

Zurück auf meiner Spitze werde ich weiter gedreht, es geht nach links. Mein Blick wandert weg von dem Ort, der mir nun so fremd erscheint. Vertraut und doch fremd, in aller Veränderung, fern und leer. Im Hintergrund ragen die Silos einer Industrieanlage aus dem eintönigen Grün. Ihr verwaschenes Graugelb verschluckt das Morgenlicht. Sie wandern weiter nach rechts, langsam und wie an einer Schnur gezogen. Der Deich kommt in die Sicht, auch er gleitet vorüber und dann blicke ich wieder auf das Meer. Aus dem Kräuseln sind mittlerweile Wellen geworden. Kaum zu sehen, lecken sie zaghaft am Sand. Von draußen werden sie sanft an Land geschoben, wie Kinder, die sich nur ungern von Ihren Müttern lösen wollen und doch unaufhörlich dem eigenen Leben entgegen gehen. Schon sehe ich sie klarer, die Wellchen hinterlassen bereits nasse Ränder am Strand, vereinzelt bleibt Schaum liegen, wenn das Wasser zurückgeworfen wird. Eben noch zu klein, spielen sie nun wie Kinder mit dem auflaufenden Wasser, schließen sich zu Banden zusammen und stürzen sich auf den Schlick. Mit jedem Versuch gelangen sie weiter nach vorne. Unbeirrt von jedem Rückschlag versuchen sie es von neuem und neuem. Sie bedecken bald jeden Meter, ziehen sich kurz zurück, um sich dann, vereint und mit neuer Kraft, wieder und wieder gegen das Land zu werfen. Das ist nicht mehr die Ebbe. Die Flut kehrt zurück, viel schneller, als ich es in all den Jahren erlebt habe. Es frischt auf und immer noch nackt spüre ich erste Windböen. Ich friere. Vor mir der Deich. Breit und ruhig liegt er da. Von hier oben aus kann ich erkennen, wie breit er tatsächlich ist. Viel breiter, als wenn man auf ihm spazieren geht. Man sieht dann nur in die Ferne, vorne und hinten der Deich, der sich hinzieht und mit jedem Schritt länger wird. Links und rechts liegen Meer und Land. Mal ist das Meer links, mal rechts. Das hängt von der Richtung ab. Aufbau, Querschnitt und Tiefe des Deichs blieben mir immer verborgen, verschwanden hinter der endlosen Länge. Jetzt blicke ich von Land auf ihn und erkenne die wahren Dimensionen. Dahinter tragen die Wellen nun Kämme von einheitlichem Weiß, als wäre es Mode in diesem Winter, sich weiße Kämme ins Haar zu stecken. Schräg laufen sie an Land, immer wieder mit der gleichen Spitze nach vorne. Wie Polizisten, die sich mit der Schulter gegen verschlossene Türen werfen, um mitten in der Nacht einen abzuschiebenden Asylanten aus seinem Bett zu reißen. Von hinten drängen neue Kräfte nach, sie lösen die Müden vorne ab, überschlagen sich, verlieren dabei ihren Rhythmus und erbrechen sich am Fuße des Deiches. Dessen Querschnitt wird geringer, das Wasser läuft auf. Gischt spritzt, selbst hier oben erschaudere ich jetzt, erschreckt von der Kälte des Meeres. Tropfen laufen mir von den Augen an der Nase vorbei über das Gesicht. Sie schmecken salzig. Ich ziehe die Schultern ein und starre gebannt hinaus, da lösen sich zwei Vögel vom Grund. Schnell werden sie größer. Das Schwarz ihres Gefieders glänzt gefettet im Lichte der Sonne. Noch immer sind keine Wolken am Himmel zu sehen. Die Vögel kommen näher, schwingen ihre Flügel im Takt, getragen von einem starken Seewind, sind jetzt auf gleicher Höhe mit mir und passieren mich mit geringem Abstand.

 

Als ich plötzlich das Tosen um mich herum erhöre, fällt mir auf, dass ich bisher taub war. Was ich zu hören glaubte, fand nur in meinem Kopf statt. Erinnerungen an Töne und Worte. Vergangenes, in meinem Inneren verwahrt für Momente der Leere. In das extrovertierte Heulen des Windes mischt sich, wieder und wieder unterbrochen vom Pfeifen noch vereinzelter Sturmböen, der tiefe Bass des Meeres. Ein Donnern, das aus der Ferne näher kommt. Der Himmel hat sich verdunkelt, Wolken schieben sich von allen Seiten vor die Sonne, die bald darauf den Kampf um die Lufthoheit verliert. Nur noch fahl fällt sie jetzt  Mondlicht gleich durch Wolkenlücken, doch in nächsten Moment verdeckt eine weitere Wolke auch dieses Loch. Es scheint mir Nacht. Einen Moment ist es finster, dann erhellt ein einzelner Blitz die Nacht dieses Morgens. So kurz dieser Moment auch ist, er genügt mir, um zu sehen, wie sich im Losbrechen des Sturmes mehr und mehr Vögel von den Wellen los reißen. Ihr Schreien klingt erbärmlich, als hätten sie Angst, sie, die sturmerprobten Töchter des Windes. Wild kreisen sie, wie auf der Achterbahn. Hunderte sind es jetzt, die wild durcheinander fliegen, kreischen, schreien und mit den Flügeln schlagen. Dass sie bei all dem Chaos nicht gegeneinander stoßen, dass keiner abstürzt, ist Wunder.

 

Die Deichtore sind nicht geschlossen, dabei steigt der Pegel doch stetig. Gleichzeitig ist vom Deich inzwischen nur noch der Fahrweg zu sehen, schon lecken die Wellen auch ihn. Noch hält der Sand, halten die Wurzeln, was Menschen formten zum Schutze des Landes. Doch schon steigt, wie bei überfluteten Gullis, an immer mehr Stellen hinterm Deich Wasser empor. Noch bilden sich nur kleine Pfützen, noch ist das Land um sie herum in der Überzahl, die Grashalme sehen noch mit den Spitzen aus dem Wasser. Die Kühe sind alle verschwunden, wie ein Spuk, der sich auflöst, um einem noch stärkeren Platz zu machen. Seen bilden sich. Wie uneben das Land im Vergleich zum Meer ist. Aber allmählich gleichen sich Seen und Land an, beide vom Sturm aufgewühlt, Schmerzen in den Ohren vom eigenen Schreien, vereinen sich Pfützen zu Seen, Seen zu Flächen, Flächen zum Meer.

 

Überall um mich ist jetzt nur noch Meer, tosende See, voller Wellenberge, Brecher und tiefer Täler. Die Rotorblätter rasen jetzt vor mir vorbei, jenseits der Grenzen der Physik, denke ich noch, da sehe ich wieder die Vögel. Zu Tausenden sind sie versammelt, sie halten kurz inne und werfen sich dann gemeinsam auf ihr neues Ziel. Mich! Ich hebe die Arme, um sie abzuwehren, jedoch es ist vergebens. Im Fallen noch wache ich auf.
29.12.07 12:11
 


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