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Statt meiner Person, geht es hier nur um meine Texte. Daher stelle ich nur meine Basisdaten zur Verfügung. Männlich, 39 Jahre alt. Von Sätzen und Geschichten verfolgt. Fest im Leben stehend, im Beruf engagiert. Auf Euch wartet hier in Kapiteln den Roman Himmelhoch Hölle. Dazu gibt es noch weitere Szenen aus einem Leben, wie es Deins oder meins sein könnte, aber nicht ist.

 

Ich mag diese...
Autoren: Marukami, Jelinek, Henry Miller, Kirchhoff, Buchheim, Mulisch



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Himmelhoch Hölle - 3

 

 

Johnny trank seine Kaffeetasse leer und schob sich das letzte Stück Nutellabrot in den Mund.  Es war ein Montagmorgen im Mai, der auf ihn wartete und fröhlich pfeifend packte er die Brote für die Kinder in deren Rucksäcke. Wie jedes Mal, wenn Johnny an Barbaras Stelle die Kinder für die Schule vorbereiten musste, steckte er ihnen noch etwas Geld für die Pause zu. Er liebte seine Kinder und er gönnte ihnen vielleicht etwas zu viel Taschengeld, verglichen mit anderen Kindern ihres Alters. Aber wenn er sich seine eigene Kindheit erinnerte und an die Entbehrungen dachte, die er kennen gelernt hatte, dann war es gut so, wie es heute war. Er gönnte es ihnen. Johnny würde sie mitnehmen und unterwegs an der Schule rauslassen. Es bliebe ihm dann immer noch genug Zeit für eine entspannte Fahrt über Land. Er würde das Dach seines Cabrios öffnen, sich die Sonnenbrille aufsetzen und den roten Schal um den Hals knoten. Die Enden des Schals würde er dann über den Sitz nach hinten werfen und sich auf den Weg zur Arbeit machen. Er liebte diese Fahrten in den Tag hinein. Der Morgen war sein Freund und der Tag lag noch vor ihm, lang und unverbraucht und voller Geheimnisse. Alle Möglichkeiten standen ihm noch offen und eine von diesen war eben seine Spazierfahrt über Land. Er tat dies gerne, vor allem wenn die Sonne herauskam, der Wind sein Haar zerzauste und die Anstrengungen der Fahrzeugheizung seinem Körper zusetzte.

 

Johnny strich seinen Kindern über die Köpfe, die gerade dabei waren ihre Schuhe anzuziehen. Sven steckte nur eben die Füße in die Schuhe hinein und rollte sie dann über die Kanten solange nach links und rechts, bis er seine Füße doch hinein gezwungen hatte. Nebenbei biss er noch in sein Frühstücksbrot und verzichtete anschließend mal wieder darauf, die Schnürsenkel zu binden. Sein Vater ignorierte das, obwohl es ihn, zugegebenermaßen, einige Mühe kostete. Er wartete auf den Augenblick, wo Sven über den Schnürsenkel stolperte, hoffte allerdings gleichzeitig, dass der Junge diese Lehre nicht gerade dann machen müsste, wenn er auf den Granitstufen hinunter auf dem Weg zum Gartentor war. Er musste seine Schlampigkeit von Barbara geerbt haben, dachte Johnny und zog den Krawattenknoten fest. Die war auch so. Immer drei Sachen gleichzeitig machen, das eine schon anfangen, wenn das anderen noch nicht abgeschlossen war. Sie konnte während des Kochens eine Brief an Ihre Mutter anfangen und eine Verdioper hören. Allein schon Verdi! Nicht dass er Verdi nicht mochte, aber er musste sich auf eine Sache konzentrieren. Für Verdi brauchte man Zeit und Ruhe. Wie konnte man dabei nur Kochen? Auch ein Brief an seine Eltern, denen er ohnehin nur sehr selten schrieb, brauchte für ihn Konzentration. Johnny verstand diese Leichtigkeit nicht. Für ihn war es Unachtsamkeit, ja Missachtung der Bedeutung, die jeder einzelnen Tätigkeit zu stand. Er konnte dies nicht, musste sich aber insgeheim eingestehen, dass er Barbara für diesen unbescholtenen Umgang mit den Dingen manchmal beneidete.

 

Vanessa war schon fertig, kämmte noch mal ihre blonden Haare durch und wuchtete sich ihren schweren Scout Rucksack auf den Rücken. Beide bekamen noch die Jacken zurecht gezogen – sie sollten ja schön aussehen in der Schule – und wurden dann in den Tag entlassen. Fröhlich stürzten sie durch den Garten in Richtung Garage, wo sie ungeduldig darauf warteten, dass ihr Vater den Wagen öffnen würde. Er nahm seinen schwarzen Pilotenkoffer in die Linke, den Schlüssel in die Rechte und drehte sich auf der Schwelle um. Barbara stand erwartungsvoll in der Türe und hielt ihm ihren geschlossenen Mund mit gespitzten Lippen entgegen. Eine gute Ehe braucht Rituale und Rituale brauchen Abwechslung, dachte er. Deshalb küsste er sie heute Morgen auf die Nase. Dann ging er zum Wagen und öffnete erst seinen Kindern die Türe und dann das Verdeck.
„Danke, Papa!“ Es kam wie aus einem Munde.
In Momenten, wie diesen war er immer stolz auf seine Kinder. Im Grunde genommen waren sie ihnen gut gelungen, wenn er auch schon in manchen Momenten daran gezweifelt hatte.

 

Nachdem er die Kinder an der Schule herausgelassen hatte, wendete er den Wagen in der Einfahrt zum Sportplatz und glitt langsam durch die Tempo 30 Zone an der Schule vorbei. Er bremste noch einmal kurz vor dem Haupteingang, um noch einen Blick auf Sven und Vanessa zu erhaschen, konnte beide aber nicht mehr in der Menge von Kindern ausmachen, die sich gerade von zwei Bussen aus in die Schule ergossen. Johnny beschleunigte, bog nach rechts um die Ampel und steuerte der Stadtgrenze zu. Er hielt noch kurz bei der Bäckerei Stronz, kaufte zwei Kümmelbrötchen mit Salami, die er auf den Beifahrersitz legte und fuhr dann auf die Bundesstraße. Bei Tempo 80 stellte er die Heizung auf volle Leistung, zog den Schal fest und schaltete das Autoradio ein. Da der Sender ihn schon nach kurzer Zeit nervte, schaltete er weiter und weiter, musste aber wieder einmal feststellen, dass ihm das Formatradio von heute nicht gefiel. Er fühlte sich dann jedes Mal ein bisschen gealtert, ja sogar spießig, weil er über die Musik der Jugend so motzte, schätze aber doch seinen eigenen guten Geschmack und war sich sicher, dass sie selber früher bessere Musik gehört hatten. Im Schlitz des Radios steckte noch seine CD mit dem 80er Sampler. Da er sie auswendig kannte, wählte er den dritten Titel und stellte sofort auf laut. Sweet dreams are made of this … Er sang laut mit und beschleunigte den Wagen. Auf beiden Seiten zogen die Bäume einer Allee vorbei und die Morgensonne, die es ihm nun erlaubte, seine Sonnenbrille aufzusetzen, blitze von rechts und warf dabei Schatten auf die silbrig glänzende Motorhaube. Er fühlte sich königlich, stark und unbezähmbar. Die Müdigkeit, die er aus der vergangenen Nacht mitgenommen hatte, verflog nun vollends. Im kühlen Fahrtwind konnte Johnny nun befreit atmen und wie von selbst zog der Wagen mit ihm seine Bahn. An einem unbeschrankten Bahnübergang bremste er kurz, blickte nach links und rechts, um die Strecke besser einschätzen zu können und gab dann wieder Vollgas. Wie immer genoss er dabei das Donnergrollen und Fauchen des Achtzylinders und die Gewalt der Beschleunigung über seinen Körper. Einer spontanen Eingebung folgend, bog er nach rechts auf eine Nebenstraße ein. Bis er auf der Arbeit sein wollte, hatte er noch mehr als 45 Minuten Zeit, konnte es sich also erlauben, in Richtung Meer abzubiegen. Bei Tainted Love schaltete Johnny einen Gang runter und trat wieder das Gaspedal durch. Er liebte diese Momente, in denen er es sich erlaubte, einfach nur Mann sein zu können. Laut, egozentrisch und einfach. Nicht denken, nur machen. Mit den Fingerspitzen klopfte er den Takt auf das Lenkrad, sang hier und da eine Textzeile mit und gab sich dem anhaltenden Druck auf Magen und Rücken hin, mit dem ihm das Drehmoment seines Achtzylinders den Tag versüßte. Das heisere Bellen des Motors vermischte sich mit den Rauschen des Windes und dem Sound der 80er. Die erste Kurve, die die lange Gerade abschloss nahm er ungebremst, war zeigte nach links und Johnny schnitt dabei bewusst die Fahrbahn. In die nächste Kurve bremste er sich kurz ein, lenkte dabei an den rechten Straßenrand, schaltete in den vierten Gang und gab ab dem Scheitelpunkt wieder Gas. Jetzt hatte er noch gut dreihundert Meter, dann kam der nächste Hof in Sicht und Johnny bremste den Wagen auf ein vernünftiges Maß herunter.

 

Es war fünf Minuten vor Neun, als er wieder an die Arbeit dachte. Er hatte sich kurzfristig für die Teilnahme am Team-Meeting angekündigt, weil er die aktuelle Stimmung im Team ausloten wollte. Wie zu erwarten war, hatte es wieder Unstimmigkeiten über die zukünftige Strategie des Unternehmens gegeben und er wollte nun einschätzen können, ob seine Meinung oder die seines Geschäftspartners bei den Männern akzeptiert worden war. Sie hatten ihre Firma für Beratung in allen Fragen der Windenergie vor 12 Jahren gemeinsam gegründet, nachdem sie sich auf der Technischen Universität kennen gelernt hatten. Von Anfang an herrschte Einverständnis über die zukünftige Rollenverteilung. Peter würde der Techniker sein, der mit Akribie und Interesse fürs Detail, aber auch mit einem weit blickenden Organisationstalent, die fachliche Richtung vorgeben würde. Johnny hatte sich immer mehr für den Überblick und die Strategie interessiert. Sein Ding war es nicht, die technischen Grenzen des Machbaren auszuloten oder im Prozess der Planung und Konstruktion weitere Verbesserungen vorzunehmen. Johnny liebte es hingegen, seine Mitmenschen von den Vorteilen der Windkraft zu überzeugen, Ihnen den zu erwartenden Nutzen ihrer Investitionen vorzurechnen und sie natürlich für Geschäfte mit ihrem Unternehmen zu begeistern. Er konnte stundenlang mit Menschen über alternative Energie philosophieren und das für und Wider unterschiedlicher Energiequellen abwägen. Aber auch Vertreter der alten Welt waren ihm willkommen. Was gab es Schöneres und Herausforderndes für seinen Intellekt und seine rhetorische Begabung, als Anhängern der Atomkraft Argument für Argument ihre Meinung zu widerlegen und ihnen die Überzeugungen zu rauben, für die sie Jahre gekämpft hatten. Wenn sie dann müde vom stundenlangen, erregten Diskutieren und mit heiserer Stimme die Notwendigkeit einer Wende hin zu regenerativen Energien nachbeteten, dann wusste Johnny, es hatte sich wieder einmal gelohnt. Er hatte es wieder geschafft, Menschen zu überzeugen, mehr noch, sie zu Jüngern zu machen und er war sich klar, dass ihm in diesen Dingen keiner etwas vormachte. Niemand verstand es so gut, die Vorteile in den Vordergrund zu stellen, von Schwächen abzulenken und alles in einen großen Zusammenhang zu bringen. Selten kam es dabei zu echtem Streit zwischen ihnen, meist gingen sie als Mitstreiter aus dem Abend hervor, als Kämpfer für eine gemeinsame Sache. Wer sich nicht von den Vorzügen und der Notwendigkeit alternativer Energien überzeugen ließ und den Abend – scheinbar – als Sieger verließ, der dachte in den nächsten Tagen mit Sicherheit über alles nach, dessen war sich Johnny klar.

 

Diese Art von Gesprächen überließ ihm Peter getrost. Denn er wusste, dass Johnny sich später, wenn aus den Interessenten Kunden wurden, nur zu gerne wieder zurück zog. Von den technischen Details verstand er einfach nicht genug. Schon im Studium war diese Aufteilung klar zu erkennen gewesen. Ohnehin passte Peter besser in diese Branche als Johnny. Peter war der Typ von Mann, der sich wenig um seine Kleidung kümmerte. Es kam vor, dass er im Norwegerpullover und mit Arbeitsschuhen beim Kunden erschien. Manchmal hielt ihn der dann erst für einen Techniker oder den Klempner, aber ein Blick in das Lachen von Peters Augen in Verbindung mit seinem kräftigen Händedruck überzeugte ihn sofort vom Gegenteil. Insgeheim hatte sich Johnny schon einmal eingestanden, dass Peter der Attraktivere von ihnen war. Sicher, Johnny trug die teureren Kleider, Maßkonfektion in aufeinander abgestimmten Farbtönen, die Haare stets frisiert und die Schuhe immer geputzt. Aber sein Gesicht war weich, alles schmiegte sich ineinander, ohne Ecken und Kanten. Früher war er stolz darauf gewesen. Er hatte sich mit Models verglichen und war mit dem Ergebnis immer zufrieden gewesen. Aber heute, mit Anfang 40, da vermisste er etwas, wenn er in den Spiegel schaute. Er hätte gerne das raue und unfertige Gesicht von Peter, dessen Augen tief in ihren Höhlen lagen und von dichten Brauen beschattet wurden. Zwischen Kinn und Unterlippe zog sich eine Falte von links nach rechts, die auf beiden Seiten von kräftigen Wangenknochen flankiert wurde. Seine Nase war zu groß und die Lippen wulstig. Es ging etwas Starkes von ihm aus, etwas Männliches, das zusammen mit der Ruhe seines Charakters auf die Umgebung ausstrahlte.

 

Im Moment aber war Johnny ziemlich zufrieden mit sich. Als er an den Ortsausgang kam, gab er wieder Gas und schloss seine Augen. Er musste sich zwingen sie geschlossen zu halten, während der Mustang weiter hochdrehte. Die wenigen Sekunden seiner Zeit dehnten sich im Dunkel. Gleichzeitig verkürzte sich der Raum, den er so dringend zum Überleben brauchte, auf gefährliche Weise. Schließlich hielt er es nicht mehr aus. Er konnte sich und seinen Wagen nicht zu sehr in Gefahr bringen. Deshalb riss Johnny seine Augen wieder auf und fing den Wagen, der sich bereits der Bankette genähert hatte, mit gekonntem Griff wieder ab. Jetzt spürte er seinen Herzschlag, fühlte sein Blut in den Adern, wie es pumpte, wie es sich in den letzten Winkel seines Lebens hineindrückte. Er war der Mittelpunkt seiner Welt! In die kühle Luft dieses Morgens, die salzig vom Meer hereinwehte, löste sich ein lautes, glückliches Lachen. Wenn seine Kunden wüssten, dass er außer seinem Peugeot 307hdi mit Russfilter noch einen 1970 Ford Mustang V8/302 fuhr, dachte sich Johnny und bremste den Wagen auf ein vernünftiges Tempo herunter. So mancher würde ihn nicht mehr auf seinen Hof lassen. Noch nicht einmal übel nehmen könnte er es ihm dann. Bei dem Benzinverbrauch kam auch ihm jedes Mal das schlechte Gewissen wieder den Nacken hoch gekrochen. Sobald er dann nach dem Bezahlen jedoch wieder den Motor anließ, hatte es sich noch jedes Mal wieder verzogen.

 

Johnny blickte zur Seite und musterte die Landschaft, die an ihm vorbeizog. Es war ländlich geworden um ihn. Auf beiden Seiten der Straße, die nun schmaler geworden war, grasten Kühe. Die Kurven vor ihm wurden enger und als Johnny zurückschalten musste, merkte er, dass ihm die Gegend plötzlich fremd vorkam. Er verlangsamte seine Fahrt weiter, spähte auf beiden Seiten nach etwas Bekanntem, das ihm Orientierung geben konnte,  fand jedoch nichts. Wo war er? War er irgendwo falsch abgebogen, hatte die richtige Stelle verpasst? Wie konnte das sein, wo er doch hier aufgewachsen war und schon als Kind den ganzen Landstrich mit seinen Freunden und ihren Rädern unsicher gemacht hatte? Nach der Kirche hätte er links abbiegen müssen, überlegte Johnny. Links in Richtung Sportplatz, um dann zur Bundesstrasse zu gelangen. Oder war es rechts? Er schüttelte den Kopf und hoffte, der Spuk würde verfliegen. Aber noch immer fehlte ihm jede Orientierung. Als hinter ihm ein Wagen hupte und die Fahrerin ihn wütend beschimpfte, fiel Johnny erst auf, wie langsam er geworden war. Schnell fuhr er rechts an den auf den Grünstreifen neben der Straße und stellte den Motor ab. Leichte Panik stieg in ihm auf, setzte sich auf seinen Solarplexus. Das gibt’s doch nicht, verdammte Scheiße! Wo bin ich denn? Keine Ahnung! Für einen Moment vergrub er den Kopf in  Händen, wobei er sich in seinem Wagen nach vorne beugte, so dass seine Unterarme das Lenkrad berührten, und atmete tief ein. Johnny spürte sein Herz, es raste jetzt. Schlug laut hinauf zur Kehle, drückte sein Blut durch die Adern. Er überlegte. Fieberhaft ging er den Weg durch. Von der Stelle aus, wo er immer zu schnell fuhr. Er ging Kurve für Kurve den Weg durch, fand aber keine Fortsetzung, wenn er in Gedanke die Kirche erreichte., was im Ort auf beiden Seiten der Kirche lag, wusste er zwar noch, konnte aber von dort aus zu der Stelle, an der er jetzt stand keinerlei Verbindung ziehen. Johnny nahm den Kopf aus den Händen und riss seinen Oberkörper nach hinten. Mit den Händen hinter dem Kopf drückte er sich gegen die Lehne, ließ seinen Kopf in den Nacken fallen. Dort spürte er kalten Schweiß, der aus den Haaren auf seinen Hals rann. Nein, es rann nicht, es tropfte. Jetzt bekam er es mit der Angst zu tun. Johnny öffnete ruckartig die Wagentür, sprang heraus und lief um den Mustang herum. Als würde er hier draußen den Weg wieder finden, den er ganz offensichtlich verloren hatte. Noch nie in seinem Leben hatte sich Johnny wirklich verfahren. Nicht so sehr, dass er nicht mehr wusste, in welche Himmelsrichtung er seinen Weg fortsetzen musste. Himmelsrichtung! Natürlich! Dass er da nicht sofort drauf gekommen war. Das war die Rettung. Er erinnerte sich, dass er einmal gelesen hatte, jeder Mann wüsste in 9 von 10 Fällen spontan, wo Norden lag. Hoffentlich war dies nicht gerade jener eine Fall. Er wagte sich dies nicht aus zu denken und zögerlich zeigte er, mit geschlossenen Augen, in eine Richtung, was ihm natürlich idiotisch vorkam. Wie konnte er annehmen, dass eine solche spontane Entscheidung ihn in die richtige Richtung bringen würde. Er müsste es sich nur mal mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung ausrechnen, welche Fehlerquote die Richtungsangabe beinhalten musste. Genauso gut hätte er in die ganz entgegengesetzte Richtung zeigen können, wenn er gerade auf der anderen Seite des Wagens gewesen wäre. Was bin ich so bescheuert! Er schüttelte den Kopf und zog seinen linken Mundwinkel hoch. Sicherlich lag jetzt seine Stirn in Falten, über den Augen bildeten sich gerade zwei Spalten des Zorns über ihn selber und der Verzweiflung, ob seiner Ahnungslosigkeit. Johnny klopfte mit beiden Fäusten auf die Motorhaube, bereute es aber sofort wieder. In die Knie gebückt strich er über den silbergrauen Lack seines 70’er Mustangs und schloss ein Auge, um eventuelle Beulen besser sehen zu können. Wenn er schon so weit war, dass er seinen geliebten Oldtimer schlug, wie weit war er dann wirklich? Doch er fand keine Beule und ließ seine Kopf langsam auf das kühle Blech sinken. Johnny schloss die Augen und zwang sich, ruhig zu atmen. Er konzentrierte sich auf jeden Zug, füllte langsam die Lungen und zwang sich zu einer kleinen Pause, bevor er die verbrauchte Luft durch die zusammengepressten Lippen auspresste. Mit jedem dieser kontrollierten Atemzüge wurde er ruhiger. Sein Herz schlug spürbar langsamer, beruhigte sich, bis er es endlich nicht mehr fühlte. Dann ließ auch der Druck auf seiner Brust nach. Als er seinen Rücken schmerzhaft spürte, fiel ihm die ungewohnte und bestimmt lächerlich anzusehende Haltung auf, in der er neben dem Wagen gebückt stand, und er erhob sich. Als hätte das Stechen in seinem Rückrat ihn endgültig wieder zurückgebracht, streckte er sich, schob die Brust heraus und nahm Kopf und Schultern nach hinten. Von einem Stöhnen begleitet dehnte Johnny in einer einzigen Bewegung Oberkörper und Arme. Anschließend blickte er sich um. Es ist vorteilhafter, wieder das Gehirn einzuschalten, dachte sich Johnny und nahm zum ersten Mal, seit er angehalten hatte, wieder seine Umgebung bewusst wahr. Er stand am Fuße einer leichten Anhöhe. Und in diesen Breiten konnte ihn diese nur auf einen Deich bringen. Er war gerettet! Johnny rannte den schmalen Weg hinauf und blickte erlöst auf das Watt. Ja, das ist der Weg nach Hornsiel, zwei Kilometer liegt das kleine Strandkaffee, wo sie sich immer als Kinder ein Eis hatten kaufen dürfen! Wie war er denn nur hierhin geraten? Johnny schüttelte wieder den Kopf und sah erleichtert auf die Uhr. Er hatte noch fünf Minuten, um ins Büro zu kommen. Was natürlich nicht reichen würde. Per Handy entschuldigte er sich für die Verspätung und kündigte sich für 9:45 Uhr an. Befreit fuhr sich Johnny durch seine fast schulterlangen Haare, ließ sich in die cremefarbenen Ledersitze fallen und startete seinen Mustang mit viel Gas. Mit durchdrehenden Reifen verschwand er hinter der nächsten Ecke und war froh, das hier hinter sich lassen zu können.
1.5.08 11:32


Himmelhoch Hölle 2

2

Als Johnny an diesem Morgen die Augen aufschlug, konnte er sich schon nicht mehr an den Traum erinnern. Die letzten Nächte waren alle unruhig gewesen, die meisten traumlos, wieder und wieder unterbrochen von kurzem Wachsein. Meist war er aufgeschreckt, als hätte ihn ein fremdes Geräusch geweckt. Im Haus war es dann jedes Mal ruhig gewesen, obwohl er hätte schwören können, dass da etwas gewesen war. In den ersten Nächten, in denen er auf diese Weise geweckt wurde, war Johnny noch aufgestanden, war im Dunkeln durchs Haus gelaufen und hatte in alle Zimmer geschaut. Danach blieb er nur noch liegen, hörte auf seinen rasenden Herzschlag, den Blick an den Rauchmelder über ihm geheftet, und fürchtete jedes Mal, nicht mehr einschlafen zu können. Meist fiel er dann doch nach kurzer Zeit in einen leichten Schlaf, aus dem er wiederholt aufwachte, um sich schließlich auf den Wecker zu freuen. Seine Frau Barbara pflegte bei nächtlichem Schlafmangel aufzustehen, um ein gutes Buch zu lesen. Lies doch auch was, sagte sie, es bringt nichts, schlaflos nur so rumzuliegen. Du hast doch noch so viele Bücher, die du angefangen hast, um sie dann ungelesen zur Seite zu legen. Erinnerst du dich eigentlich noch an den Anfang, wenn Du nach Wochen oder Monaten weiter liest? Klar doch, dachte er dann, jedes Mal, leider. Habe ich je etwas Gelesenes vergessen? Sei es der frühe Karl May, noch in der Weihnacht heimlich unter der Bettdecke verschlungen oder die spätere Schullektüre, von der er jedoch so manches gerne wieder aus seiner Erinnerung gestrichen hätte.

Die eigenwillige Auswahl der Lektüre, die seine Deutschlehrerin damals getroffen hatte, wurde in ihrer Unzumutbarkeit für pubertierende Jugendliche nur noch von ihrer Selbstüberschätzung und ihrem Mundgeruch übertroffen. Es gibt solche Eindrücke, dachte sich Johnny, die man vermutlich nie aus seiner Erinnerung streichen kann. Frau Riga beugt sich von hinten über ihn, während alle an ihrer Klausur schreiben. Wie immer gibt es vier Themenvorschläge zur Erörterung, die sie jedes Mal, als Ausdruck ihres überbordenden Intellektes, um einen fünften ergänzten. Hexenverbrennung – Pro und Contra. Auch dieses Thema ist immer das gleiche, wird jedoch in all den Jahren von keinem einzelnen ihres Kurses gewählt. Es ist still im Klassensaal ihres Gymnasiums. Die Federn gleiten übers Papier, Krämpfe machen sich in manchen Fingern breit und zwingen zu ungewollten Schreibpausen. Auf den einen Bänken stapeln sich ganze Familienlunchpakete, auf den anderen trennen unbehandelte Naturledertaschen die konkurrierenden Nachbarn. Glücksbringer und Kuscheltiere sehen den Mädchen beim Schreiben zu und vereinzelt liegen auch schon die Zigarettenpackungen für die Pause bereit. Jeder hat den Ehrgeiz, viele Seiten zu füllen. Nur wer viel schreibt, kann auch 15 Punkte bekommen, geht das Gerücht. Wenn sie jemanden mag. Und ihn mag sie! Johnny-Lieber, sehr schön! Gefällt mir gut! Wen Frau Riga mag, den nennt sie Lieber. Vorname und Lieber. Sicherlich schätzt sie alle Schüler, gleich welchen Geschlechts und welcher Herkunft, vor allem als ihr Publikum. So anspruchsvoll und gerecht sie auch ist, so deutlich zeigt sie ihre Vorliebe für bestimmte Schüler. Von ihrem Hals baumelt ein Glasschmuck, kunstvoll, aber gesichtslos. Die Farben liegen irgendwo zwischen hell- und dunkelblau. Wie gebatikt, nur aus Glas. Trotz der enormen Größe des Anhängers kann Johnny nicht erkennen, was er darstellen soll.  Er baumelt an einer dünnen Kette, hängt im Stehen von ihrem Hals bis genau zwischen ihre Nippel. Weil sie von eher kleiner Statur ist, berühren ihre großen Brüste durch den Wollpullover hindurch Johnnys Schulter, während ihn mehr als ein Hauch ihres Atems streift. Sie beugt sich über ihn, von hinten, um seine schon geschriebenen Zeilen zu erwischen. Es ist ein intensiver Blick, Lektüre schon, trotz seiner schlechten Schrift kann sie alles lesen, ja die Mühe scheint ihr sogar Spaß zu machen. Sie schaut nur bei den immer gleichen Schülern, beugt sich über sie, mit Fingern und Mund ein Ich-will-keinen-stören andeutend, und raubt ihnen doch für einen Moment die Sinne. Johnnys Blick wechselt von ihrem Anhänger zu ihrer rechten Brust und wieder zurück. Sie hebt und senkt sich im Wechsel. Mutterbrüste, obwohl sie es nie wurden. Keine zehn Zentimeter liegen zwischen ihrem Warzenvorhof und seinen Zähnen, wenn er seinen Kopf zur Seite dreht. Noch heute könnte er schwören, dachte Johnny, während er das Pulver in den Filter der Kaffeemaschine gab, dass sich die steifen Brustwarzen fast durch die Maschen ihres Pullovers geschoben hatten. Wenn er jetzt zubisse, würde sie bestimmt keine Szene machen. Sie würde sich von ihm lösen, den Pullover glatt streichen und so tun, als wäre nichts passiert. Aber stattdessen atmet er durch den Mund. Es geht nicht mehr anders. Die Zähne ihres Gebisses grinsen ihn höhnisch an, während sie Worte des Lobes formen. Sehr gut, denk an die Schlüsselszene im zweiten Akt. Sie geht weiter und Johnny wendet sich wieder der Klassenarbeit zu.

Neben diesen Eindrücken seiner stets engagierten und unter ihren damals noch fehlenden akademischen Ehren leidenden Deutschlehrerin hatte er auch alle Bücher nicht vergessen können, die sie gemeinsam gelesen hatten. Bahnwärter trafen in Kotzebue jede Menge Kleinbürger, die sich in der Laube von Aristophanes mit den neuen Leiden des jungen W. herumärgerten und in der Sommernacht die Faust ballten. Klassische Dramen folgten auf zeitgenössische Novellen, sozialkritische Literatur begegnete Courts-Mahlers Liebesromanen und Thomas Mann erlebte in uns die neue Zeit. Zwischendurch gab es Reisen zu bedeutenden Kunstereignissen, sei es in Köln oder Kassel, Theaterbesuche und Selbstinszenierungen. Johnny hatte alles abgespeichert, nichts vergessen und noch manchmal kamen die Texte in ihm hoch, vermischten sich mit seinen eigenen Gedanken zu  einem wirren Traum, der vor allem die verirrten Gefühle seiner Pubertät wieder ans Dunkel ans Licht brachte. Er hatte dieses Alter nicht gemocht, hatte gelitten unter der Fremdbestimmung durch das Etwas in ihm, das er nicht genug zu kontrollieren vermochte. Die Gewissheit, dass dies nicht sein echtes Leben sein konnte, war genauso groß, wie die Unsicherheit in ihm über die Möglichkeiten, die eine kommende Zeit für ihn bereithalten mochte. Bei den Mädchen, die er wirklich liebte, fehlte ihm der Mut und daher natürlich auch jeglicher Erfolg, der ihm dafür umso mehr bei denen zu teil wurde, für die er nun wirklich nichts empfinden konnte. All die Hässlichen und Dicken, seine Klassenkameradin mit dem festen Zopf bis zum Po oder die Tochter des Tankstellenpächters, die sonst kein Junge aus seiner Klasse auch nur im Entferntesten in Erwägung zog. Seine erste Freundin hatte dann auch schon mit 16 Jahren zarte 15 Kilo Übergewicht, was dann nach immerhin sieben gemeinsamen Monaten auch zur Trennung führte. Aber Ihre ersten gemeinsamen Erfahrungen mit Sex und Erotik waren in seiner Erinnerung auch noch heute aufregend und schön. Fast sehnte er sich wieder zurück nach der Möglichkeit, alles von neuem entdecken zu dürfen, was sich so unauslöschlich in sein Gedächtnis eingebrannt hatte. So war ihm die gemeinsame Entjungferung im Bett seiner Freundin unvergessen. Ihre Eltern waren zum Kirschblütenfest in einen Ort gefahren, der weit genug entfernt lagt. Sie hatten die kleine Schwester mitgenommen und ihnen so ausreichend freie Zeit gesichert. Es war ein warmer Frühlingstag und der große, graue Riesenschnauzer hatte es sich im Untergeschoss des Hauses gemütlich gemacht. Das chinesische Fondue, das ihre Mutter für sie beide vorbereitet hatte, war verspeist und was es als Nachtisch geben sollte, das war Johnny und seiner Freundin klar. Wie es ihnen aber schmecken würde, welche Schüsseln sie nehmen würden und wie man mit dem Besteck um zu gehen hatte, wussten sie allerdings nicht wirklich. Aber sie hatten sich sehr gefreut, dass sich endlich diese günstige Gelegenheit ergab. Es war der ideale Tag für ihr Begehren, da die Familie seiner Freundin wegen der langen Fahrzeit, der zahlreichen Vergnügungen auf dem Fest und der Versicherung ihrer Mutter, dass sie erst spät abends zurückkämen, lange fort bleiben würde. Natürlich sollte es ihr Geheimnis sein und so freuten sich beide schon Tage vorher und fieberten gespannt dem angekündigten Termin entgegen. Nun saßen sie auf dem Bett und wussten nicht, wie sie es anstellen sollten. In ihrem Rekorder lief eine Kassette mit Schmusehits und nach langem Küssen und Streicheln fingen sie endlich an, sich gegenseitig zu entkleiden. Bei Johnny ging es schneller, das T-Shirt flog rasch neben das Bett und auch seiner Socken hatten sie sich schnell entledigt. Beim Öffnen der Jeans gab es dann die ersten Schwierigkeiten, er musste sich nach hinten auf das Bett legen, den Bauch einziehen und dabei das Becken anheben, damit sie seine Hose leichter hinunterstreifen konnte. Allein, so schnell ging das mit Knopf und Reißverschluss nicht und seine Arme, die sich mit den Ellenbogen in die Matratze drückten, während er angestrengt seine Körpermitte nach oben drückte, begannen zu ziehen. Seine Ungeduld stieg erheblich, immerhin wollte er endlich aus der Hose und ran an ihre Bluse. Als sie es schließlich schaffte, ihn von seiner Jeans zu befreien, klebte diese noch an seinen verschwitzten Beinen, so als würde sich sein Körper wehren, die lang ersehnte Bekanntschaft mit dem Neuen zu machen, das auf sie beide zukommen würde. Als die Jeans dann doch endlich rutschte, wurde ihm seine Unterhose mit über die Backen gezogen. Nur sein erigierter Penis hielt sie noch am Leib. Schnell zog Johnny sich die Unterhose wieder hoch. Er wollte nicht als erster so nackt sein, verletzlich und unsicher auf die andere warten, die dann vielleicht vom ungewohnten Anblick seiner Erektion irritiert, die geplante Vorgehensweise doch noch ändern könnte. Johnny nestelte nervös an den Knöpfen ihrer Bluse herum, fing irgendwo in der Mitte an, ohne Plan und wirkliches Wissen. Sein Fortschritt in dieser für das Mannsein scheinbar so wichtigen Kulturtechnik wurde noch erheblich erschwert durch die Tatsache, dass sie, statt ihm ihren Brustkorb entgegen zu strecken, ihren Rücken verschreckt an die Wand drückte. Hatte ihr sein früher Ständer seine Unsicherheit verraten, ihn lächerlich gemacht? Oder war er dadurch zu forsch erschienen, hatte sie zurück gedrängt und bedroht? Als er die oberen vier Knöpfe schließlich aus den Löchern gepresst hatte, schob er die Bluse hoch und über ihre Schultern hinüber, wo sie auf den halben Oberarmen stecken blieb. Seine Blicke blieben gebannt auf den dünnen Trägern ihrer blassrosa BeeDees hängen, deren Versprechungen unter der gespannten blauen Jeansbluse zunächst verborgen gehalten wurden. Erst ihr Auflachen und ihr zarter Kuss, bei dem beide die Augen schlossen und vorsichtig die Zungen kreisen ließen, befreiten ihn von seinen Zweifeln und sie von ihrem Oberteil. Noch im Wegwerfen des endlich überwundenen Kleidungsstücks fielen sie sich in die Arme und sanken auf das raue Laken. Er blickte in ihre braunen Augen, küsste sie zart im ganzen Gesicht. Dann suchte er diese Stelle hinter ihren Ohrläppchen, die er erst neulich entdeckt hatte. Als sie vor Freude und Kitzeln erschauderte, drehten sich beide um und sie kam oben auf ihm zu liegen. Sie setzte sich auf, zog ihre Beine an und stützte den Kopf in ihre Hände. Plötzlich blickte sie ihn ernst an und eine Träne lief ihr die Wange hinunter.

„Johnny, ich habe Angst.“
„“Wovor?“, fragte er, unsensibel und direkt.
„Ich weiß nicht, ob ich das kann. Ich meine, jetzt schon. Ob ich schon so weit bin.“
„Aber du wolltest es doch auch.“, entgegnet er verunsichert und richtete sich auf. Johnny setzte sich mit dem Rücken an die Wand neben sie und nahm ihre Hand in seine. Sofort fiel sie ihm entgegen und sank an seine Schulter, wo sie zunächst liegen blieb. Er fuhr ihr durch die Haare, ließ ihre Locken durch seine Hände gleiten und sagte:
„Lass es uns doch einfach versuchen. Wenn es nicht geht, hören wir sofort auf. OK?“
Sie blickte auf seinen Penis, der sich unter dem Slip nun schon seit zehn Minuten in seiner vollen Größe abdrückte und ihm langsam anfing weh zu tun, und schwieg.
„Komm, ich liebe dich doch.“
Vorsichtig berührte sie ihn und ganz langsam ertastete sie sich mit zwei Fingern eine neue Welt unter seinem letzten Kleidungsstück. Etwas in ihm wollte explodieren, sein Bauch zog sich zusammen und alle Muskeln spannten sich an.
„Zieh mir das blöde Ding aus, Johnny, ich hab doch noch alles an.“
Daran hatte er im Moment gar nicht mehr gedacht, so sehr war er auf sein eigenes Verlangen konzentriert. Aber jetzt begann er sofort an dem Verschluss ihres BHs herum zu nesteln. Die kleinen Häkchen leisteten allerdings erheblichen Widerstand und mit jedem Versuch wurde er nervöser.
„Komm, ich mach das.“, sagte sie, und entledigte sich mit einer einzigen Bewegung ihrer Beedees und mit der nächsten ihrer Jeans. Nun saßen sie sich gegenüber auf dem Rand ihres Bettes, blickten sich angespannt an und betrachteten sich beinahe erschrocken, wobei sie ihre Finger vorsichtig verhakt hielten.
Ihre Brüste waren groß und fest, mit dunkelbraunen Vorhöfen, ihre Nippel ragten gleichzeitig nach außen und nach oben. Er löste seine Finger aus den ihren, streckte seine Hände aus, und strich ihr von oben nach unten über die Außenseiten ihrer Brüste. Sie lächelte ihn an und umfasste seine Arme an den Ellenbogen.
„Komm!“
Jetzt beugte er sich über sie, die nun auf dem Rücken lag, fasste ihren Slip an beiden Seiten und zog ihn ihr herunter auf die Beine. Dabei hob sie ihre Hüften an und erleichtere ihm so diese noch ungewohnte Tätigkeit. Aufgeregt streifte sie ihr letztes Kleidungsstück mit dem großen Zeh des rechten Fußes über ihr Bein und schleuderte es auf überraschend freche Art mit dem linken Fuß von sich. Gebannt und neugierig starrte er auf die Haare zwischen ihren Beinen, die allerdings mehr verbargen, als sie zeigten. Er näherte seine Finger vorsichtig und langsam, positionierte sich neu im Bett, um besser an sie heran zu kommen und strich nun zart über ihre Haare. Die waren fest und drahtig, ganz anders, als die Haare, die er bisher an ihr kannte. Er fuhr, schon mutiger, hin und her und kam allmählich tiefer. Den Rest ihres Körpers hatte er vergessen, nur das hier gab es noch für ihn. Als er noch tiefer kam, spürte er eine Unregelmäßigkeit, eine Unebenheit in ihrer ansonsten glatten Haut. Sie öffnete ihm ihre Beine ein Stück und er ertastete diese Stelle ihres Körpers ausgiebig und von allen Seiten. Da würde er nun hinein müssen, sollen, dürfen. Johnny blickte in seinen Schoß und prüfte, von einer plötzlichen Angst getrieben, seine Erektion, was sich allerdings als unnötig herausstellte. Johnny schob seinen Zeigefinger weiter, er wollte endlich alles wissen und mit der Kuppe seines Fingers fuhr er nun zwischen die beiden Ränder der Vertiefung, wo ihn eine warme Feuchtigkeit empfing, die ihn mutiger werden ließ. Seine Finger ertasteten sich Stück für Stück, glitten weiter hinein, kreisten um eine Stelle, die die Klitoris sein könnte und suchten Anfang und Ende ihrer Scheide. Vorsichtig teilte er ihre Schamlippen und erschrak dabei über das dunkle Rot ihres Fleisches. In dem Moment zog sie ihre Beine an und ihr Bauch verspannte sich. Seine Hände zuckten zurück.
„Habe ich was falsch gemacht?“
„Nein.“, entgegnete sie, „Nein nein!“, und er rutschte näher heran.
„Lass uns ...“
Er wusste nicht recht weiter. Sie lag gerade ausgestreckt schräg auf dem Bett ihres Jugendzimmers und starrte an die Decke. Ihre Beine hielt sie nun wieder geschlossen und die Arme reagierten nicht auf seine unbeholfenen Streicheleien, mit denen Johnny die Situation zu überbrücken versuchte.
„Was ist denn? Willst du nicht mehr?“
„Doch, natürlich. Es ist nur ... Ach, ich weiß nicht.“
„Soll ich ...“
„Nein, komm, wir versuchen es mal.“
Johnny rutschte näher und rollte sich auf sie. Wo er nun aber seinen Kopf hin tun sollte, wusste er nicht. Sie berührte mit ihren Lippen sein Kinn, küsste ihn zaghaft und er versuchte im Liegen ihre Brüste zu erreichen.
„Ich liebe dich!“, presste er heraus und küsst sie feste auf den Mund.
„Rutsch’ mal ein Stück rüber.“, bekam er dafür zurück, was er kaum registrierte, so sehr war er damit beschäftigt, alles unter Kontrolle zu bekommen. Er musste jetzt gleichzeitig ihren Mund finden, sie an den Brüsten streicheln, sich abstützen und vor allem den richtigen Eingang finden. Das, vor allem das gestaltete sich schwierig. So sehr er auch versuchte, es klappte nicht. Erst hatte sie die Beine geschlossen, und als es ihm dann gelungen war, sich zwischen ihre Beine zu positionieren, war es für ihn schwer, mit geschlossenen Knien seinen Penis an sie heran zu bringen. Sie hatten beide keine Ahnung, wie es gehen sollte, probierten es aber hartnäckig weiter. So ließen sie schließlich das Badewasser ein, weil sie hofften, Wärme und Weichheit des Wassers würden ein Übriges tun. Natürlich waren die Maße einer durchschnittlichen Badewanne nicht für ihr Vorhaben geeignet, und schon gar nicht vermochten sie es, als absolute Anfänger hier zum Zuge zu kommen. Immerhin, irgendwann musste es dann doch gelungen sein, auch wenn sich Johnny heute erstaunlicherweise nicht mehr an das Eigentliche erinnern konnte. Nur, dass es recht schnell zu Ende war und ihrem ersten Sex noch bessere Tage folgten.
30.1.08 13:31


Herr H geht aus dem Haus 1

1 - Herr H geht aus dem Haus

Herr H geht aus dem Haus. Heute muss er. Nur, gerne tut er es nicht. Nicht heute, wo er doch so schlecht geschlafen hat. Sonst ja. Wenn die Sonne mal wieder scheint. Und die Parkbank ab Mittag nicht mehr im Schatten liegt. Dann vielleicht. Aber heute? Nein. Die ganze Nacht hat das Bein ihn gequält. Aber doch muss es wieder sein. Dass er zum Arzt geht. Denn seine Tabletten drohen ihm auszugehen. Und ohne die geht es einfach nicht. Deshalb muss er jetzt los. Doch nein. Erst noch sein Frühstück. Auch wenn er keinen Hunger hat. Freilich hat er den schon lange nicht mehr. Seit dem Tod seiner Frau schmeckt es ihm einfach nicht mehr. Mit dem linken Fuß sucht er unter dem Tisch nach seinem Hausschuh. Der muss doch irgendwo sein. Doch wo er auch hinstochert, seine Zehen tasten durch die Wollsocke nur den nackten Boden. Löcher hat die auch, denkt Herr H und tastet weiter. Jetzt versucht er es links vom Tischbein. Da wo sein kleiner weißer Küchentisch in die Fensterbank übergeht. Tastet unter dem Heizkörper lang so weit rauf, wie er eben kommt. Mist, hier muss er doch irgendwo sein. Oder ist er ohne Schuh aus dem Bad …? Jeden Tag Toastbrot ist auch nicht so gut, denkt Herr H. Aber was soll er sonst kaufen? Reicht ja nicht. Ein Toastbrot reicht für eine Woche. Locker. Wenn er nur abends nicht noch Hunger bekommt. Aber das kann er sich verkneifen. Wo ist denn nun der blöde Schuh. Rechts hat er ihn doch schon an. Ach wenn er sich nur bücken könnte. Er könnte unter den Tisch gucken und selber nachsehen. Wenn er könnte. Doch es geht nicht mehr. Die Schmerzen. Das will er nicht riskieren. Dass er dann gar nicht mehr wegkommt, heute. Wo er doch zum Arzt muss, wegen seiner Pillen. Herr H nett seine Tabletten gerne Pillen. Schon seine Frau hat immer drüber gelacht. Wenn er Pillen gesagt hat. Statt Tabletten. Da hat sie immer gelacht. Aber da hat sie auch noch gelebt, denkt Herr H und rührt in seiner Tasse. Löslicher. So langsam verblasst die Erinnerung. Aber das ist doch normal, oder? Sie ist ja auch schon so lange tot. Wie lange ist das jetzt her, dass sie nicht mehr aufstand? Jetzt hat er den Schuh gefunden, den er gesucht hat. Den linken Schuh für seinen linken Fuß. Langsam ruckelt er sich hinein. Einen Moment noch bleibt er bei seiner Frau, deren Bild über dem Fernseher hängt. Damit das mit dem Vergessen noch etwas auf sich warten lässt. Er rührt und trinkt dann langsam die Tasse leer. Dann zieht er sich am Tisch hoch, um den Stuhl nach hinten zu schieben. Das ruckelt und quietscht auf dem PVC. Er hasst dieses Geräusch. In all den Jahren, die er jetzt hier wohnt, in dieser Wohnung im dritten Stock. Es hat ihn immer gequält, dieses Schreien des Holzes auf dem Fußboden. Jeden Tag aufs Neue. Daran erinnert er sich. Sie hat dann immer gesagt, reg dich nicht auf. Nicht wenn es sich nicht lohnt. Jetzt ist er hoch und geht hinüber ins Schlafzimmer. Da ist es kalt. Ob seine Schmerzen daher kommen? Dass es im Schlafzimmer immer so frostig ist? Er glaubt dort auch im Sommer immer zu frieren. Egal wie warm es draußen ist. In seinem Schlafzimmer ist immer Winter. Nur mit drei Decken lässt es sich aushalten. Morgen wird er die waschen. Das muss mal wieder sein. Aber morgen. Heute muss er ja zum Arzt.
6.1.08 20:40


Himmelhoch Hölle - 1

1

 

Wie selbstverständlich stehe ich auf der Spitze eines meiner Windräder und blicke Richtung Küste. Die Blätter drehen sich sachte und lautlos. Einem übergroßen Scheibenwischer ähnlich, der rhythmisch mein Sehfeld teilt, fährt ein immer gleiches Rotorblatt dicht vor meinen Augen vorbei. Wieder und wieder. Für einen kurzen Moment verschwinden dann mit meiner Wahrnehmung Marsch, Düne und das Meer, das sich in der Ferne andeutet. Es ist Ebbe. Zurück bleibt nur das Graubraun des Wattenmeeres, Gesichtsfeld füllend und übergroß, um schon im nächsten Augenblick, wieder auf sein natürliches Maß geschrumpft, seinen angestammten Platz im Schauspiel meiner Heimat einzunehmen. Ich bin nackt, nur mit meinen Birkenstock bekleidet stehe ich auf dem Dach der Turbine. Es ist der Moment des Sonnenaufgangs und aus dem Wattenmeer steigt eben ein Vogel auf. Am Anfang noch klein, hält er direkt auf mich zu, wird vom Punkt zum Fleck, bekommt plötzlich Flügel und wird größer, während er auf mich zufliegt, um dann plötzlich im Nichts zu verschwinden. Ich spüre den Wind nicht, obwohl sich doch in den Prielen und Pfützen das Wasser kräuselt. Die ersten Strahlen der Sonne berühren wohl schon meine nackte Haut, denn eben drückt sich die Sonne breit hinter dem Horizont hervor. Aber ich fühle nichts, weder lassen mich Wind und Novembermorgen frösteln, noch schmecke ich das Salz auf meinen Lippen. Ich blicke nach links auf die Weiden, die Rotorblätter begleiten mich, verlässlich und dabei unnachgiebig. Weisen Sie meinen Blicken den Weg oder verfolgen Sie mich? Der Gedanke verfliegt mir noch im gleichen Moment. Jetzt freue ich mich über die Kühe, die friedlich und ungestört auf einer kleinen Insel aus Licht grasen. Das letzte saftige Herbstgras, klar, das mögen Sie besonders gerne. Nur komisch, dass nicht mehr Tiere da sind. Jetzt, um diese Jahreszeit.

 

Die Sonne hat den Horizont hinter sich gelassen und durchbricht eben einen fernen Streifen Wolken. Etwas zwischen mausgrau und steingrau, denke ich, und während ich versuche, mich an die Nummer des passenden RAL-Tons zu erinnern, löst sich die Wolke plötzlich auf und verschwindet. Noch passt der Daumen der ausgestreckten Hand nicht zwischen Land und Licht. Obwohl es früher Morgen ist, stehe ich schon lange hier. Ohne mich zu bewegen, drehe ich mich, drehe mich weiter und blicke jetzt in Richtung Süden. Wo sonst der Turm der evangelischen Pfarrkirche meinen Ort überragt, der eingebettet in Bäume und Büsche auf einer Erhebung in den Marschen liegt, ist nichts. Nichts als Grün, eintöniges und künstliches Grün. Wie gemalt, flach und unifarben, ein billiger Comic. Nur vereinzelt durchtrennt eine Hecke die Fläche, auch sie ist nur von einer Farbe. Schwarz. Das Bild dreht sich weiter. Von links rutscht ein lang gestrecktes, zweigeschossiges Gebäude am Ortsrand in die Sicht. Ein Klinkerbau in rot und braun, dessen Fensterreihen, in beiden Etagen identisch, wie dunkle Augen in Richtung Meer starren. Fensterläden scheint es nicht zu geben. Eckige Augen, ohne jeden Lidschlag.  Erstaunlich, ich kenne die Anlage nicht. Dabei ist mir hier jede Straße vertraut, jedes Haus. Unter den beiden Fensterreihen ist noch eine zu sehen. Die Fenster dort sind niedrig und breit. Jedes von ihnen reicht direkt auf den Boden hin. Sie haben keine Gitter. Kein Mensch ist weit und breit zu sehen. Welchem Zweck könnte die Anlage dienen? Die drei Riegel des Gebäudes umschließen einen Innenhof, dessen scheinbar offene Seite von einem Zaun nur widerwillig versperrt wird. Es ist keiner dieser üblichen Vorgartenzäune aus Holz, gekreuzt und hüfthoch. Es ist auch kein Maschendrahtzaun, der mit den Jahren ausbeult und Löcher bekommt. Dieser hier ist aus fingerdicken Stahlstangen, oben und unten im festen Griff weiteren Stahls. Auf jeder Seite eine Stange. Mannshoch. Der Boden im Hof ist wohl aus Beton, scheint mir, Beton in Platten gegossen und nur vereinzelt durchbrochen von quadratischen Inseln voller Schlamm. Hier sollten wahrscheinlich mal Bäume gepflanzt werden, Bäume, die dann doch nie kamen, denke ich und schwebe für einen Moment über der Anlage. Kein Gras wächst in den Ritzen zwischen den Platten. Platz dafür wäre genug, aber der Boden ist tot. Kein Gras, keine Blume, kein Blatt. Menschen kann ich immer noch nicht entdecken, aber mir fällt auf, dass die Fensterrahmen aus silbrig glänzendem Aluminium sind. Die Energiebilanz wird erschreckend ausfallen, ich könnte für sie Wärmebilder anfertigen lassen und wir würden dann gemeinsam über Verbesserungsmöglichkeiten beraten.

 

Zurück auf meiner Spitze werde ich weiter gedreht, es geht nach links. Mein Blick wandert weg von dem Ort, der mir nun so fremd erscheint. Vertraut und doch fremd, in aller Veränderung, fern und leer. Im Hintergrund ragen die Silos einer Industrieanlage aus dem eintönigen Grün. Ihr verwaschenes Graugelb verschluckt das Morgenlicht. Sie wandern weiter nach rechts, langsam und wie an einer Schnur gezogen. Der Deich kommt in die Sicht, auch er gleitet vorüber und dann blicke ich wieder auf das Meer. Aus dem Kräuseln sind mittlerweile Wellen geworden. Kaum zu sehen, lecken sie zaghaft am Sand. Von draußen werden sie sanft an Land geschoben, wie Kinder, die sich nur ungern von Ihren Müttern lösen wollen und doch unaufhörlich dem eigenen Leben entgegen gehen. Schon sehe ich sie klarer, die Wellchen hinterlassen bereits nasse Ränder am Strand, vereinzelt bleibt Schaum liegen, wenn das Wasser zurückgeworfen wird. Eben noch zu klein, spielen sie nun wie Kinder mit dem auflaufenden Wasser, schließen sich zu Banden zusammen und stürzen sich auf den Schlick. Mit jedem Versuch gelangen sie weiter nach vorne. Unbeirrt von jedem Rückschlag versuchen sie es von neuem und neuem. Sie bedecken bald jeden Meter, ziehen sich kurz zurück, um sich dann, vereint und mit neuer Kraft, wieder und wieder gegen das Land zu werfen. Das ist nicht mehr die Ebbe. Die Flut kehrt zurück, viel schneller, als ich es in all den Jahren erlebt habe. Es frischt auf und immer noch nackt spüre ich erste Windböen. Ich friere. Vor mir der Deich. Breit und ruhig liegt er da. Von hier oben aus kann ich erkennen, wie breit er tatsächlich ist. Viel breiter, als wenn man auf ihm spazieren geht. Man sieht dann nur in die Ferne, vorne und hinten der Deich, der sich hinzieht und mit jedem Schritt länger wird. Links und rechts liegen Meer und Land. Mal ist das Meer links, mal rechts. Das hängt von der Richtung ab. Aufbau, Querschnitt und Tiefe des Deichs blieben mir immer verborgen, verschwanden hinter der endlosen Länge. Jetzt blicke ich von Land auf ihn und erkenne die wahren Dimensionen. Dahinter tragen die Wellen nun Kämme von einheitlichem Weiß, als wäre es Mode in diesem Winter, sich weiße Kämme ins Haar zu stecken. Schräg laufen sie an Land, immer wieder mit der gleichen Spitze nach vorne. Wie Polizisten, die sich mit der Schulter gegen verschlossene Türen werfen, um mitten in der Nacht einen abzuschiebenden Asylanten aus seinem Bett zu reißen. Von hinten drängen neue Kräfte nach, sie lösen die Müden vorne ab, überschlagen sich, verlieren dabei ihren Rhythmus und erbrechen sich am Fuße des Deiches. Dessen Querschnitt wird geringer, das Wasser läuft auf. Gischt spritzt, selbst hier oben erschaudere ich jetzt, erschreckt von der Kälte des Meeres. Tropfen laufen mir von den Augen an der Nase vorbei über das Gesicht. Sie schmecken salzig. Ich ziehe die Schultern ein und starre gebannt hinaus, da lösen sich zwei Vögel vom Grund. Schnell werden sie größer. Das Schwarz ihres Gefieders glänzt gefettet im Lichte der Sonne. Noch immer sind keine Wolken am Himmel zu sehen. Die Vögel kommen näher, schwingen ihre Flügel im Takt, getragen von einem starken Seewind, sind jetzt auf gleicher Höhe mit mir und passieren mich mit geringem Abstand.

 

Als ich plötzlich das Tosen um mich herum erhöre, fällt mir auf, dass ich bisher taub war. Was ich zu hören glaubte, fand nur in meinem Kopf statt. Erinnerungen an Töne und Worte. Vergangenes, in meinem Inneren verwahrt für Momente der Leere. In das extrovertierte Heulen des Windes mischt sich, wieder und wieder unterbrochen vom Pfeifen noch vereinzelter Sturmböen, der tiefe Bass des Meeres. Ein Donnern, das aus der Ferne näher kommt. Der Himmel hat sich verdunkelt, Wolken schieben sich von allen Seiten vor die Sonne, die bald darauf den Kampf um die Lufthoheit verliert. Nur noch fahl fällt sie jetzt  Mondlicht gleich durch Wolkenlücken, doch in nächsten Moment verdeckt eine weitere Wolke auch dieses Loch. Es scheint mir Nacht. Einen Moment ist es finster, dann erhellt ein einzelner Blitz die Nacht dieses Morgens. So kurz dieser Moment auch ist, er genügt mir, um zu sehen, wie sich im Losbrechen des Sturmes mehr und mehr Vögel von den Wellen los reißen. Ihr Schreien klingt erbärmlich, als hätten sie Angst, sie, die sturmerprobten Töchter des Windes. Wild kreisen sie, wie auf der Achterbahn. Hunderte sind es jetzt, die wild durcheinander fliegen, kreischen, schreien und mit den Flügeln schlagen. Dass sie bei all dem Chaos nicht gegeneinander stoßen, dass keiner abstürzt, ist Wunder.

 

Die Deichtore sind nicht geschlossen, dabei steigt der Pegel doch stetig. Gleichzeitig ist vom Deich inzwischen nur noch der Fahrweg zu sehen, schon lecken die Wellen auch ihn. Noch hält der Sand, halten die Wurzeln, was Menschen formten zum Schutze des Landes. Doch schon steigt, wie bei überfluteten Gullis, an immer mehr Stellen hinterm Deich Wasser empor. Noch bilden sich nur kleine Pfützen, noch ist das Land um sie herum in der Überzahl, die Grashalme sehen noch mit den Spitzen aus dem Wasser. Die Kühe sind alle verschwunden, wie ein Spuk, der sich auflöst, um einem noch stärkeren Platz zu machen. Seen bilden sich. Wie uneben das Land im Vergleich zum Meer ist. Aber allmählich gleichen sich Seen und Land an, beide vom Sturm aufgewühlt, Schmerzen in den Ohren vom eigenen Schreien, vereinen sich Pfützen zu Seen, Seen zu Flächen, Flächen zum Meer.

 

Überall um mich ist jetzt nur noch Meer, tosende See, voller Wellenberge, Brecher und tiefer Täler. Die Rotorblätter rasen jetzt vor mir vorbei, jenseits der Grenzen der Physik, denke ich noch, da sehe ich wieder die Vögel. Zu Tausenden sind sie versammelt, sie halten kurz inne und werfen sich dann gemeinsam auf ihr neues Ziel. Mich! Ich hebe die Arme, um sie abzuwehren, jedoch es ist vergebens. Im Fallen noch wache ich auf.
29.12.07 12:11





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